Frankfurt am Main-Zeilsheim

Geschichte

Verfasser:

Alexander von Janta Lipinski

Zeit des Kaiserreichs

1871:

Nach dem Sieg über Frank­reich nutzt der preußische Minister­präsi­dent und spätere Reichs­kanzler Otto Fürst von Bismarck die natio­nale Be­geiste­rung zur Grün­dung des Deut­schen Kaiser­reichs. Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. im Spiegel­saal von Ver­sailles zum Deut­schen Kaiser pro­klamiert, sehr zum Un­mut der be­sieg­ten Fran­zosen, für die dies eine un­ge­heure Schmach dar­stellte.

1875:

Ein­füh­rung des dezi­malen Maß- und Gewichts­systems. Damit wird das seit Jahr­hunder­ten herr­schende Chaos im deut­schen Maß- und Gewichts­system – jedes Fürsten­tum und jede Reichs­freie Stadt hatten ihr eige­nes Maß­system – end­lich be­sei­tigt. Das Währungs­system wird von Gulden auf Gold­mark um­gestellt.

In Zeils­heim wird damit be­gonnen nörd­lich des Orts­berings eine Reihe privater Neu­bauten zu er­rich­ten. Damit be­ginnt Zeils­heim lang­sam da­mit von einem kleinen Bauern­dorf zu einer größeren Ge­mein­de zu werden. Diese Häuser sind die Vor­läufer des Bau­booms der Jahr­hundert­wende, als mit dem Bau der Sied­lungs­häuser der Arbeiter­kolonie, ge­baut von den Höchster Farb­werken, der Cha­rak­ter des Ortes grund­legend ver­än­dert wird.

1879:

Der Bau der Ludwigs­bahn, der Eisen­bahn­linie von Frank­furt nach Lim­burg, wird ab­ge­schlossen. Zeils­heim er­hält auch an dieser Bahn­strecke keine Halte­stelle. Dies­mal jedoch nicht des­halb, weil die Nassau­ische Re­gie­rung keinen Halte­punkt vor­ge­sehen hatte, sondern weil bei der Planung 1875 eine Halte­stelle in Zeils­heim am Wider­stand der Zeils­heimer Bauern ge­scheitert war. Heute mehr als 100 Jahre später ist diese Halte­stelle allerdings reali­siert worden und be­findet sich an der West­höchster Straße auf der Orts­grenze zu Sindlingen.

1880:

Erst­mals wird von Zeils­heim ein Be­richt über die „gesund­heits­polizei­lichen Ver­hält­nisse in der Land­ge­mein­de Zeils­heim” er­stellt. Aus diesem Bericht, der von Kreis­physikus Wilhelm Grand­homme er­stellt wurde, geht hervor, dass in Zeils­heim 522 Personen in 84 Häusern leben, in jedem Haus durch­schnitt­lich 6,2 Personen bei einer durch­schnitt­lichen Familien­größe von 4,7 Personen. Von der Be­völke­rung sind 90% Land­wirte, 5% Hand­werker und 5% Fabrik­arbeiter. Ihr Trink­wasser können die Zeils­heimer aus 3 öffent­lichen Pump­brunnen und 7 privaten Zieh­brunnen, die 1864 auf Gemeinde­kosten mit Pump­vor­rich­tungen aus­ge­stattet worden waren, mit der Ver­pflich­tung, den Nach­barn das Wasser­holen zu er­lauben, be­ziehen.

Das Trink­wasser in Zeils­heim ist je­doch nicht von bester Quali­tät. Es ent­hält laut Be­richt „Ammoniak und sal­pe­tri­ge Säure so­wie nicht un­be­deu­ten­de Mengen von Chlo­ri­den und Ni­tra­ten”, ver­mut­lich zurück­zu­führen auf die Stand­orte der Brunnen im un­mittel­baren Ab­wasser­bereich, wie es von dem öffent­lichen Pump­brunnen des Jakob Weil be­legt ist, der „im Hofe zwischen Stall und Dünger­haufen” steht.

Der Zeils­heimer Orts­bering um­fasst 6,37 ha. Damit kommen auf jeden Hof 758 m² und auf jeden Orts­be­wohner 122 m² Orts­bering­fläche. Ein Orts­bau­statut be­steht zu diesem Zeit­punkt noch nicht. Die älteren Hauser sind Fach­werk­bauten, die neueren aus Feld­back­stein. Die Abfluss­rinnen in den Straßen sind ge­pflastert, die Fahr­bahnen hin­gegen sind nur mit Erde be­festigt. Die Straßen sind sauber und die Ab­wässer fließen in Jauche­gruben, von denen je­doch nur die neueren zemen­tiert sind. In Zeils­heim gibt es drei Wirte, einen Bäcker und einen Metzger mit eigener Schlachterei.

Die Armen­be­hand­lung und die öffent­lichen Im­pfungen werden von einem be­sol­de­ten Kommunal­arzt wahr­ge­nommen und außer­dem steht eine Heb­amme im Ge­mein­de­dienst. Die Medi­kamen­te werden aus der Hof­heimer oder der Höchster Apo­theke be­zogen. Die Gesund­heits­ver­hält­nisse sind, wie es in dem Be­richt heißt, „im all­gemeinen nicht un­günstig”, je­doch liegt die Kinder­sterb­lich­keit im Kreis­gebiet mit am höchsten. In­fektions­krank­heiten, die in Zeils­heim auf­treten sind Ty­phus, Schar­lach und Diph­terie; die hohe Tuber­kulose-Sterb­lich­keit hat in den letzten Jahren nach­ge­lassen.

1882:

Im Gegen­satz zu den Zeils­heimern, die 1875 gegen einen Bahn­hof an der Ludwigs­bahn waren, sprechen sich die Sind­linger für einen eigenen Bahn­hof an der Taunus­bahn aus. Der Bahn­hof, heute Bahn­hof Sind­lingen, wird nörd­lich des alten Dorfes an­gelegt.

1885:

End­lich kann die Frage der offenen Pfarr­be­sol­dung ge­klärt werden, an der die Er­füllung der seit fast 200 Jahren er­ho­benen For­de­rung nach einer eigenen Pfarrei ge­scheitert war. Der le­dige Land­wirt Michael Weil stiftet der Kirchen­ge­mein­de 20.000, der Witwer Andreas Weil 6.857 Gold­mark. Mit dieser Stif­tung kann nicht nur die Pfarr­stelle ein­ge­rich­tet, son­dern auch ein Pfarr­haus an­ge­kauft werden.

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Das Pfarrhaus in der Hauptstraße (heute Alt-Zeilsheim)

(Aufnahme bei einem Festzug im Jahre 1926)

1888:

Ob­wohl be­reits 1885 alle Be­din­gun­gen zur Er­rich­tung einer eigenen Pfarrei er­füllt werden konnten, wird Zeils­heim erst am 27. Sep­tem­ber 1888 per De­kret selb­stän­dige Pfarrei, da sich die vom Lim­burger Or­di­na­riat mit der preußischen Provinz­re­gie­rung in Wies­baden auf­ge­nom­me­nen Ver­hand­lungen über drei Jahre hin­zogen.

1889:

Zeils­heim ist noch immer ein fast aus­schließ­licher katho­lischer Ort. In dem noch stillen, ab­ge­le­genen Bauern­dorf leben zu diesem Zeit­punkt 523 Katho­liken und ge­rade ein­mal 10 Pro­tes­tan­ten. Kirch­lich ge­hören die pro­tes­tan­ti­schen Christen zur Kirchen­ge­mein­de Ober­lieder­bach, das be­reits 1552 evan­ge­lisch ge­wor­den war und blieb.

Da das alte Schul­haus neben der Pfarr­kirche den Schüler­zahlen nicht mehr Stand halten kann, wird die alte Pfarr­scheune gegen­über der Kirche (heute steht dort das katho­lische Pfarr­ge­mein­de­zentrum) zur Schule um­ge­baut. Außer­dem wird eine zweite Lehrer­stelle ge­schaffen, um den Unter­richt ord­nungs­gemäß ab­halten zu können.

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Zweites Zeilsheimer Schulhaus

Die ehe­malige Pfarr­scheune wurde von 1889 bis 1901 unter­richt­lich ge­nutzt und 1974 beim Bau des katho­lischen Pfarr­ge­mein­de­zentrums ab­ge­rissen.

1899:

Die Zahl der evan­ge­li­schen Christen in Zeils­heim ist in­zwischen auf 34 an­ge­wachsen. Die kirch­liche Be­treu­ung der pro­tes­tan­ti­schen Ge­mein­de wird vom Höch­ster Seel­sorge­be­zirk Sind­lingen über­nommen. In Er­mange­lung eines eigenen Gottes­hauses wird in der Zeils­heimer Schule 14-tägig ein eigener Gottes­dienst für die Zeils­heimer Pro­tes­tan­ten ge­halten.

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Ansichts- und Grund­riss­skizzen der ab 1901 in Zeils­heim er­rich­te­ten Wohn­ge­bäude der Arbeiter-Kolonie

1899 - 1902:

Die Farb­werke Hoechst AG bauen neben dem Bauern­dorf eine große Arbeiter­sied­lung mit 100 Wohnungen in 45 Doppel- und 10 Einzel­häusern, genannt „Kolonie”. Die Ein­wohner­zahl wächst durch die zu­zie­hen­den Arbeiter rapide an. Durch den Zu­zug von Außer­halb wächst mit der Zahl der Ein­wohner auch der An­teil der evan­ge­li­schen Christen in Zeils­heim stark an. Zeils­heim ist nun wirk­lich kein rein katho­lischer Ort mehr.

Auch die Schule ist mittler­weile viel zu klein und die Farb­werke er­richten daher im Jahre 1901 ein zwei­stöckiges Schul­ge­bäude (Nord­west­flügel der heutigen Käthe-Koll­witz-Schule) mit acht Unter­richts- und zwei Lehr­mittel­räumen.

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Drittes Zeilsheimer Schulhaus

(1901 von den Farbwerken erricht, heute Nordwestflügel der Käthe-Kollwitz-Schule)
Aufnahme um 1910

1902:

Der evan­ge­li­sche Seel­sorge­be­zirk Sind­lingen wird von Höchst ab­ge­trennt und zur selb­stän­digen Kirchen­ge­mein­de Sindlingen-Zeilsheim er­hoben. Die evan­ge­li­schen Christen be­sitzen je­doch noch immer kein eigenes Gottes­haus in Zeilsheim.

ab 1904:

In Zeilsheim werden langsam auch die modernen technischen Standards eingeführt, die bereits in den umliegenden Ortschaften gegen Ende des vorangegangenen Jahrhunderts Einzug gehalten haben:

1904: Zeils­heim er­hält eine Post­agentur, die Farb­werke er­richten eine Kauf­haus­filiale im Franken­thaler Weg 1905: Straßen­be­leuch­tun­gen mit Petroleum­lampen werden installiert 1911: Zeils­heim wird an das elek­tri­sche Strom­netz an­ge­schlossen 1914: Zeils­heim wird an das Gas­leitungs­netz an­ge­schlossen

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Kaufhausfiliale der Farbwerke

(Von 1904 bis 1958 wurden hier Waren ver­kauft, da­nach be­fand sich in dem Ge­bäude das Zeils­heimer Post­amt und heute die Krabbel­stube „Alte Post” des Diako­ni­schen Werkes)
Aufnahme von 1922

1906:

Die evan­ge­li­sche Ge­mein­de er­richtet in der Blau­länd­chen­straße eine ambu­lante Kranken­station. Zu­nächst kümmert sich eine Schwester allein um die Ver­sor­gung der Kranken, doch schon im Laufe von zwei Jahren ent­wickelt sich dar­aus eine Dia­konissen­station.

1908:

Die evan­ge­li­sche Ge­mein­de kann Dank finan­zieller Unter­stüt­zung durch Else von Meister, der Tochter eines der Firmen­gründer der Hoechst AG, – sie trägt sämt­liche Unter­haltungs­kosten – einen Kinder­garten er­öffnen.

1910:

Die Farb­werke be­enden den zweiten Bau­ab­schnitt der „Kolonie”. Die Be­völ­ke­rung wächst um fast 200% von 1081 Ein­wohnern im Jahre 1900 auf 2797 Ein­wohner.

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Ansicht Zeilsheims um 1910
(in der Bildmitte die katholische Pfarrkirche, rechts die Schule)

1911:

Die Dern­bacher Ordens­ge­mein­schaft „Arme Dienst­mägde Jesu Christi” er­richtet in Zeils­heim einen kleinen Kon­vent mit drei Schwestern. Unter großer An­teil­nahme der Be­völ­ke­rung werden die Schwestern am 27. April 1911 in Zeils­heim will­kommen ge­heißen. Sie werden not­dürf­tig im ältesten Schul­haus neben der Kirche unter­ge­bracht und wid­men sich fort­an der Kranken­pflege und der Arbeit im Kindergarten.

Erst im Jahre 1913 können die Dern­bacher Schwestern in ein eigenes Schwestern­haus um­ziehen, das in einer Bau­zeit von sechs Monaten in der Saal­felder Straße er­richtet wurde. An das Schwestern­haus an­ge­glie­dert ist ein eigener Kinder­garten, der im Jahr der Ein­wei­hung von 100 Kindern besucht wird. Erst­mals stehen in dem neuen Gebäude auch fünf Wohnungen für allein­stehende Menschen und eine Wohnung für den Kaplan zur Ver­fügung.

1912:

Die Zahl der evan­ge­li­schen Christen in Zeils­heim ist in­zwischen so weit an­ge­stiegen, dass in Zeils­heim end­lich auch eine evan­ge­li­sche Kirche ge­baut und eine Filial­ge­mein­de er­richtet wird. Das Ge­lände spendet die Farb­werke und gibt außer­dem zu den Gesamt­kosten von 79.000 Gold­mark einen Zu­schuss von 10.000 Mark. Zur Aus­stat­tung der Kirche gehören eine Turmuhr, drei Glocken und eine Orgel.

Die Schule ist, nach­dem mit dem zweiten Bau­ab­schnitt der „Kolonie” die Be­völ­ke­rung weiter ge­wachsen ist, er­neut zu klein und wird um einen zweiten Schul­trakt (Nord­ost­flügel der heutigen Käthe-Koll­witz-Schule) mit neun Klassen­räumen sowie einer Rektoren­wohnung, einem Lehrer- und einem Lehr­mittel­zimmer er­weitert.

Auch der Fried­hof ge­nügt nicht mehr den An­for­de­run­gen der Ge­mein­de und so wird der alte Fried­hof nicht mehr ge­nutzt und 1941 nieder­ge­legt. Ein neuer größerer Fried­hof wird am Orts­aus­gang nach Kriftel hinter dem Welsch­graben an­ge­legt. Dieser Fried­hof wird auch noch heute ge­nutzt.

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Evangelische Kirche Zeilsheim von 1912
(Aufnahme von 1920)

ab 1912:

Die katho­lische Kirche ist erneut zu klein, da die Ge­mein­de in­zwischen auf fast 2000 Seelen an­ge­wachsen ist. Die Ge­mein­de ver­suchte be­reits seit 1910 das Problem mit drei Sonntags­gottes­diensten zu lösen, doch auch diese Maß­nahme kann keine Ab­hilfe schaffen.

Der Wunsch nach einem Neu­bau der Kirche führt dazu, dass die Ge­mein­de in Ver­hand­lun­gen mit der Provinz­re­gie­rung in Wies­baden tritt, um die Finan­zie­rung des Neu­baus ge­mäß der alten Patronats­ver­pflich­tungen von 1755 zu klären.

Als Zeils­heim mitten in den Wirren des Ersten Welt­krieges, am 01. April 1917, nach Höchst ein­ge­mein­det wird, muss auch der Magistrat der Stadt Höchst am Main an den Ver­hand­lun­gen be­tei­ligt werden. Zwar wurden be­reits mehrere Ent­würfe in Auf­trag ge­geben, doch scheitert das Bau­vor­haben zu­nächst an den an­hal­ten­den Problemen durch den Ersten Welt­krieg und später dann an den Folgen des Krieges und der Welt­wirt­schafts­krise.



Quelle:

Vollert, Adalbert:
Zeilsheim - Ein Frankfurter Stadtteil in alter und neuer Zeit (Herausgegeben von der Frankfurter Sparkasse von 1822)

Kinder, Hermann; Hilgemann, Werner:
dtv-Atlas zur Weltgeschichte Band 1, 24. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1990

Kinder, Hermann; Hilgemann, Werner:
dtv-Atlas zur Weltgeschichte Band 2, 28. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1994